by Jochem Schumann in the catalogue of
XV. Westdeutsche Kurzfilmtage Oberhausen, 1969
‘Rote Universitat Karl Marx'. Aktion und Gegenaktion. Oder besser: Argumente
gegen Aktionen, die sich nachher als das erweisen, was sie sind: ‘'Er hat so
fest geschlagen. Ich habe sehr geblutet. Dann wollte er mich mit dem Kuppel
auf den Bauch schlagen.'' Pervertierte Aktionen der einen Seite, Kritisches
Bewusstsein auf der anderen Seite, welches die Unangemessenheit der Mittel
der Machtigen, Starkeren, der Etablierten und ihrer Handlanger etlarvt. ‘'Zwei
Polizisten hielten den Studenten, ein dritter machte sich uber ihn her und
schlug ihn mit dem Gummiknupper auf die Brust.'' Immer die gleiche Diktion
gleicher Schilderung gleicher Situationen, ausgefuhrt von gleichen Personen.
Und fatalerweise Ereignisse, die sich gleichen: in Jugoslawien, in der Bundesrepublik,
in den USA, in Frankreich, Tokyo, Sudamerika und sonst noch uberall, wo die
Diskrepanz zwischen der Realitat der Herrschenden und dem Anspruch der Verwirklichung
einer Geselschaft sich offenbart und von den Beherrschten bewusst durchschaut
wird.
Zelimir Zilniks Film ‘'Lipanjska gibanja'' ist ein Film uber ‘'Tiere''. Zilniks
Film ist ebenso ein Film uber Franz-Josef Strauss und die deutsche Polizei,
genauso wie uber die italienischen Polizisten und uber den demokratischen Burgermeister
von Chicago. Es ist ein Film uber Belgrader Studenten: ‘'Ein Film uber die
Studentendemonstrationen im Juni 1968; ein Film uber kritisches Bewusstsein,
uber Enthusiasmus und uber die Solidaritat dieses Protestes'' (Zilnik).
Zilnik zeigt es: wie sich die Bilder gleichen, wie Protest und Transparent,
Sit-in und Diskussion anderes herausfordern, namlich Polizei-Aktionen, einseitigen
Terror, Knuppelein, Brutalitat und fliewssendes Blut. ‘'Sozialismus, Demokratie,
Freihat'' schreiben die Belgrader Studenten genauso wie ihre Kollegen hier
und anderswo auf ihre Plakate oder an die Wande und mussen auch die gleichen
Erfahrungen wie diese machen. Oder sie erklaren: ‘'Das Hauptproblem uberhaupt
ist das des Sozialismus.'' Das is keineswegs konterrevolutionar oder burgerlich
revisionistisch. Es ist die klare Forderung einer Minderheit, die sich bewusst
geworden ist der Missstande einer Gesellschaft, die weit entfernt ist von dem,
was Organisationen, Partei und Regierende als verbales Dogma formulieren. Zwischen
Realitat und Gerede der Etablierten klafft der Widerspruch, den zu losen
sich auch jugoslawische Studenten (und weniger die Arbeiter usw.) vornehmen.
Zilnik zeigt es: In Bildern, welche zwischen Aktionen und Diskussionen wechseln.
Voller Eindringlicheit, schnell, gehetzt, so wie es in der Komprimierung auch
den Studenten widerfahrt. Da ist kein Platz zum Verhalten, zur Larmoyanz, zum
Wehklagen: ‘'Er has so fest geschlagen. Ich habe sehr geblutet. Dann wollte
er mich it dem Knuppel auf den Bauch schlagen'', sagt eine junge Studentin.
Wunderschones sozialistisches Gesellschafts-Modell, ebenso wunderschon wie
das Modell, welches der Kapitalismus standig schlagkraftig demonstriert.
‘'Vorwarts mit Tito...'' heisst es ein andermal. Tito hat tatsachlich in einer
grossen Rede den Studenten Recht gegeben, ihren Forderungen Raum zugebilligt
als ernstzunehmenden Diskussionsbeitrag. Doch verfolge man den Weg solcher
Rede und Worte bis in die hintersten Glieder der Parteihierarchie und was davon
ubrigbleibt.
Worte, Diskussionen, Parolen, Transparente: die Aktion liegt bei anderen als
den Veranderungswillligen, man weiss es. In Zilniks erstem Spielfilm ‘'Fruhe
Werke'' sagt das Madchen Jugoslawa (welches ja den ‘'Stosstrupp'' gegen eingefahrene
und verhartete Krusten scheinbar sozialistischer Gesellschaft fuhrt: ‘'Die
Scheu vor der Gewalt is unsere Schwache.'' Diese Scheu zeigt sich auch in den
Bildern von ‘'Studentenstreik''. Inden Zilnik seinen knallharten und unsetimentalen
Report als Analyse versteht, kommt er zum gleichen Ergebnis wie Jugoslawa in ‘'Fruhe
Werke''. Gewalt nur kann wirklich verandern. Darum wurde dieser Dokumentarfilm
gemacht, der keiner ist; er ist ein Agitationsfilm, der aktivieren will. Das
Thema bot sich beim Belgrader Studentenstreik an. Diesem Film einen Preis zu
geben, is wohl recht, ercheint jedoch lachhaft angesichts einer Gesellschaft,
die derjenigen des Sozialismus gleich ist: gleiche Methoden kommen zur Anwendung
gegen unangepasste Typen.
Der Film erfullt nicht seine Aufgabe (oder wie man es nennen wollte), indem
er einen Preis einheimst. Das ist unerheblich. Er erfullt seine Aufgabe, wenn
er moglichst viele Zuschauer zu dem uberzeugen wurde, was er mitteilt: sich
mit bestehenden Verhaltnissen einfach nicht mehr abzufinden. Die Schlussfolgerung
jedes Einzelnen liegt beim Einzelnen. Auch hierzulande. ‘'Rote Universitat
Karl Marx''. Agitation: ‘'... und schlug ihn mit dem Gummiknuppel auf die Brust'',
sagt ein Student im Film, den man hierzulande und wohl uberall in der Welt
nicht anders behandelt. |