by Jochem Schumann in the catalogue of
XIV. Westdeutsche Kurzfilmtage Oberhausen, 1968
In Zelimir Zilniks Film ‘'Die Arbeitslosen'' ist nichts von herkommlichem
sozialistischen Optimismus und bravourosem Zukunftsglauben zu horen und zu
sehen. Denn er stellt ein Milieu vor, in dem Funktionarsparolen und Parteislogans
keinen Platz haben. Gesellschaftsverstandnis orientiert sich hier nicht an
als allgemeinverbindlich postulierten Standpunkten, sondern an den individuellen
Zielen, von denen ein bestimmter Personenkreis traumt.
Die Personen, um die es in Zilniks Film geht, sind jugoslawische Arbeitslose.
An einer Mannergruppe in Belgrad werden individuelle Verhaltensweisen demonstriert,
die keinesfalls in ein sozialistisches Schema einzuordnen sind. Zu Beginn
des Films sagt der junge Arbeitslose: ‘'Mal schlafe ich im Park auf einer Bank,
mal auch im Bahnhof''. Oder: ‘'Mag sein, dass ich einen Job kriege, mag aber
auch sein, dass ich keinen bekomme''. Diese Worte signalisieren nicht nur eine
Gleichgultigkeit gegenuber gesellschaftlich relevanten Belangen, sondern
auch die spezielle Problematik eines verkommenen Milieus, in dem Menschen im
Freien leben oder in Obdachlosenasylen kaserniert sind.
Diesen Mannern sind Begriffe wie Heimat oder Gemeinschaft abosolut fremd;
mit ihnen wissen sie nichts anzufangen. Ihr Denken und Fuhlen ist von anderen
Begriffen formiert, etwa: wo, wann und wie bekomme ich eine bessere Schlafstelle,
ein besseres Essen; wie, wann und wo erhalte ich eine bessere Arbeit. Schlafen,
Arbeiten, Essen: andachtig lauschen die Manner ihrem Kumpel, der aus einem
amerikanischen Magazin die minutiose Schilderung eines Festmahls vorliest.
Auch die Sexualitat erhalt in diesem Bereich einen vom ublichen abweichenden
Stellenwert. Erotische Traume treten unstilisiert und damit unverhullt aufs
Ziel gerichtet aut. Diese Unverhultheit wird allerdings durch die Diskrepanz
von Moglichkeit und Wunsch in eine symbolbefrachtete Sprache gekleidet, in
der ein praller Hintern und ein Kugelbusen unter engem Rock un Pulli zu aufreizenden
Zeichen einer unerfullbaren Triebbefriedigung werden.
Dies sind nur zwei Beispiele vom veranderten Dasein der Arbeitslosen. Diese
Veranderungen schildert Zilnik in Bildern, die zu deutlichen Chiffren des erledigten
Menschen werden. In full werden die ausgemergelten Korper der Manner, ihre
schwarzen Stummelzahne, abgemagerten Brustkorbe oder gichtigen Hande aufgeblendet.
Die Resignation der Gesichter (wobei die meisten der Manner ihrer Resignation
nur in vagen Gesten Ausdruck verleihen konnen) teilt eine Existenz mit, in
der Hoffnung sich nur noch in der elementarsten Form der Begierde aussert.
Selbs politische Gesichtspunkte vermischen sich hier mit dem Bedurfnis nach
Essen, Trinken und Schlafen. Gesellschaftliches Bewusstsein wird da zur privaten
Klage: ‘'Ist das hier in Jugoslawien Sozialismus? Ich sage nein''. Und: ‘'Die
Bosse haben gut reden mit ihrem Sozialismus, bei ihren schonen Posten und ihrem
vielen Geld''. Zwangslaufig entwickeln sich in derartigen Situationen Klischees,
die eine reale Beurteilung der Lage verhindern.
Damit wird der gangige Parteijargon als Fiktion derer entlarvt, die ihn standig
formulieren, als eine makabre Utopie, die schon an der untersten sozialen Schicht
scheitert. Zwischen der politischen Vorstellung der Herrschenden und der banalen
und klaglichen Realitat der Arbeitslosen klafft ein breiter Riss, der durch
schone Parolen nicht zu kitten ist. Fur die Arbeitslosen ist die Entscheidung
zwischen Kommunismus und Kapitalismus eine Entscheidung zwischen Arbeit und
keiner Arbeit, zwischen vernunftigem Leben und elendem Dasein.
Hier gewinnt Zilniks Film seine besondere Dimension: an individuellen Fallen
werden Bruchstellen der Gesellschaft sichtbar. Bruchstellen, die den Menschen
vor die Hunde gehen lassen; Menschen, denen die Verlorenheit nicht nur
in den Gesichtern geschrieben steht, sondern die von vornherein verloren sind
fur die ‘'Gemeinschaft''. Das wissen die Manner genau. Dager mangelt es ihnen
am geforderten sozialistischen Glauben, daher fronen sie direkt einer subjektiven
Sicht zu ihrer Umwelt und den darin obwaltenden Zustanden.
Eine weitere Erfahrung des Films ist, dass Arbeitslosigkeit (die ja nach marxistischem
Glauben einzig ein Problem kapitalistischer Systeme sein kann) auch im (exemplarisch
auftretenden) Jugoslawien ein Problem ist, das nicht mit Patentrezepten zu
losen ist: denn hinter diesem Problem verbergen sich Menschen. Dieser individualistische
Standpunkt macht die Ehrilchkeit des Films aus.
Zilnik hat einen reinen Interview-Film gedreht. Der Bildstil passt sich diesem
Prinzip an. Blitzschnell wie die verschiedenen Antworten wechsein die einzelnen
Sequenzen. Das Prinzip wird nur dann durchbrochen, wenn die Arbeitslosen singen
und tanzen. In solchen Augenblicken losen sich Spannungen, dann vermag die
Kamera ebenfalls ‘'auszuruhen''.
Mit ‘'Die Arbeitslosen'' beweist Zilnik wie sein Landsmann Kreso Golik (‘'Od
3 do 22''), dass Dokumentationen in reiner Form auch heute noch fur das Kino
moglich sein kann. |