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Sendung "Perspektiven", 26.03.1977.
by Heinz Klunker
Eine "Gastarbeiter-Oper" im Theater Novi Sad
Gastarbeiter - das ist hierzulande ein Begriff, der fast nur noch ironisch
gebraucht werden kann, wiel er die Sache nicht trifft. Dei Sache: Die
westlichen Wohlstandigsgesellschaften halten sich eine Reservearmee auslandischer
Arbeiter, die meist mindere Arbeit verrichten mussen, aber so an
einem Wohlsstand teilhaben, den si sich in ihren okonomisch gebeuteltten
Heimatlandern nur ertraumen konnen. In Krisenzeiten sind sie, Burger
zweiter Klasse sozusagen, die ersten, die entlassen werden; aber auch
in Perioden der Hochkonjunktur bleiben sie deklassiert, gelittene Gaste,
die man fur sich aarbeiten lasst, doch nicht an den eigenen Tisch bittet.
Gastarbeiter - das ist in Jugoslawien zum Beispiel ein Wort mit Aura, an das
sich Hoffnungen hangen und Illusionen, Fluchtpunkt aus einer schwierigen Realitat
von Arbeitslosigkeit und Armut. Der Zynismus, der dem Begrieff in der Praxis
seinen Sinn geraubt hat, wird da kaum mitgedacht und mitgehort; er klingt hochstens
im schlechten Gewissen derer an, die zwar keine Arbeit beschaffen konnen, aber
sich an den Devisen der auslandischen Arbeiter gutlich tun - die staatlich
sanktionierte Burokratie. Man spricht gegenwartig von etwa zwolf Millionen
Gastarbeitern in Europa.
Fur Zelimir Zilnik, den jugoslawischen Regisseur von Kurz und Spielfilmen,
die auch in der Bundersrepublik Echo fanded und Preise gewannen, sind Gastarbeiter
die positiven Helden unserer Zeit. Fur einen arbeitslosen Hausler aus
der Vojvodina, aus der viele Bewohner ins Ausland gehen mussen, sei die Arbeit,
die er im Westen auf dem Bau aufnimmt vergleichbar mit dem Abenteuer des Kolumbus,
der nach dem Westen fuhr, um Indien zu errecichen und dabei auf Amerika stiess.
Aus ihrem Milieu gerissen haben diese Menschen eine Art Schuldgefuhl, wie Kinder
vor strengen Eltern, Schuler vor sturern Lehrern. Ihnen fehlen die Moglishkeiten,
sich sprachlich differenziert auszudrucken, sie sprechen reduziert, chiffriert.
Auf diesem Hintergrund muss man ein Theaterereignis sehen, das die jugoslawische
Offentlichkeit, sofern sie kulturpolitisch engagiert ist, seit einigen Wochen
beschaftigt. Ende Januar wurde in Novi Sad, dem etwa 80 Kilometer nordlich
von Belgrad gelegenen Mittelpunkt der Vojvodina, Zelimir Zilniks und Predrag
Vranesevics "Gastarbeiter-Oper" uraufgefuhrt. Nach einer Schrecksekunder, die
auch von der zwiespaltigen Kritik einer Lokalzeitung genahrt worden sein
mag, in der sich ein Zeigefinger der Burokratie gegen vermeintlich anarchistische Tendenzen
drohend reckte - nach einer Schrecksekunde von fast 14 Tagen gingen die Medien
der Foderation, von Zagreb bis Sarajevo und von Belgrad bis Ljubljana ausfuhrlich,
differenziert und im allgemeinen positiv auf den Theatercoup von Novi Sad.
Denn was da vom Autor Zilnik in Szene und vom Komponisten Vranesevic in Noten
gesetzt worden war, das war naturlich keine konventionelle Oper, diese Bezeichnung
war genaug so ironich gebrochen wie der Gastarbeiter-Begriff. Zu besichtigen
war eine bitterbose, vergnugliche politisch-theatrelische Revue, die mit Mitteln
des Musicals Aufklarung betr...
Drei Frauen brechen, enttauscht von ihrem Leben und den Ve...haltnisssen, in
denen sie leben, in die schillernde Konsumwaschen Industrie zu gehorsamen Arbeitstieren
getrimmt, aber weil die Anpassung nicht total gelingt, von der Arbeit entlassen.
Sie suchen sich uber sich selbst klar zu werden bei ihrem Balanceakt
zwischen zwei Welten und kehren, kapitalismusgeschadigt und leicht westlich
ummontiert, in die Heimat zuruck. Das letzte Bild zeigt sie and der Grenze,
ein Mull-Europa im Rucken aber vor sich etwas wachsen, ist das ein Kind ein
Geschwur? Das Stuck endet nicht mit einem grossen Gesa finale, sondern
mit einem Aufschrei. Uber Emotionen und Agressionen vermittelt es soziale und
okonomische Einsicht die das Publikum offensichtlich annimt.
Wie Zilnik mit theatralischen Formen und filmischen Anspielungen, von Brecht
uber Chaplin bis Polanski, souveran umgeht, wie die Musik von Vranesevic sich
plundernd in der Musikgeschichte und im Schlageralltag bewegt - das ergibt
eine kluge Collage, in der die Mittel der Parodie und auch des schwarzen Humors
die sseriose Absicht nicht verdecken. In diesem Theaterstuck wird ein moralischer
Appell horbar, dem sich weder die Lander entziehen konnen, die ihre Burger ins
Ausland zur Arbeit ziehen lassen, oft ziehen lassen mussen, noch jene Lander,
zu denen auch die Bundesrepublik zahlt, diie sich ihrer Arbeitskraftbedienen,
ohne sie zu Mitburgern zu machen, und denen sie den eigenen Wohlstand mitverdanken.
"Gastarbeiter" - das zwiespaltige Etikett, so pathetisch wie eine konventionelle
Oper, wird mit Wirklichkeit illustriert in diesem Theaterstuck, dessen Anregung
Zilnik bei einem langeren Aufenthalt in der Bundesrepublik empfing, und das jetzt
in Novi Sad gespielt wird. Es verdiente, vielleicht bei Gastspielen, auch ein
westliches Publikum, dem da manche Wahrheiten aufgingen. |