Heute sind wir Filmemacher in der Lage, Diskussionen anzuzetteln
Interview mit dem Filmemacher Zelimir Zilnik am 5. Dezember 1997 im Rahmen der 12. Frankfurter Filmschau. 
(c) Thomas Deichmann

Zelimir Zilnik, geb. 1942 in Nis, Jugoslawien, studierte Jura in Novi Sad. Er drehte zunächst Amateurfilme und war als Regieassistent für Dusan Makavejev tätig. 1969 gewann er mit seinem ersten Spielfilm „Frühe Werke" einen Goldenen Bären auf der Berlinale. Der Film handelte von den 68er Studentenprotesten in Jugoslawien und wurde von der Regierung in Belgrad verboten. Zilnik wurde wegen seiner ideologiekritischen Haltung der Prozeß gemacht. Er erhielt Arbeitsverbot und wurde aus der kommunistischen Partei geworfen. Im Zeitraum 1973-76 lebte er als Regisseur in der BRD. 
Zilnik gründete 1993 die „Videowerkstatt" des oppositionellen Belgrader Senders Radio B 92. Bereits 1991 hatte er eine TV-Produktionsfirma in Budapest ins Leben gerufen, die auch Filme für B 92 produzierte. Seine beiden letzten Produktionen für B 92 „Tito amongst the Serbs for the Second Time" und „Marble Ass" stellte Zilnik im Dezember 1997 im Rahmen der 12. Frankfurter Filmschau vor. 

Marble Ass (Serbien 1994, 87min., Regie: Zelimir Zilnik, Produktion: Radio B 92): 
Die Transvestiten Merlin [Vjeran Miladinovic] und Sanela [Nenad Milenkovic] gehen anschaffen, um sich während des Krieges über Wasser zu halten. Sie sind für ihre Kunden Blitzableiter für Aggressionen und Klagemauer zugleich. Johnny [Nenad Rackovic], ein Kriegsheimkehrer mit psychischen Problemen, lebt bei ihnen. Er wurde durch Illusionen in den Krieg gedrängt und ist nun auf der Suche nach Selbstbefriedung. Sanela verlobt sich mit einem Bodybuilder und verschwindet. Johnny versucht mit manipulierten Billardspielen, an Geld zu kommen, was ihm zum Verhängnis wird. Merlin bleibt alleine zurück. 
(Marble Ass wurde in den Städten Belgrads und in Zilniks Haus in Novi Sad gedreht. Der Film erhielt den Spezialpreis der Jury des Gay Teddy 1995.) 

Tito amongst the Serbs (Serbien 1994, 42min., Regie: Zelimir Zilnik, Produktion: Radio B 92) 
Tito kehrt in seiner Generalsuniform auf die Erde zurück und spricht mit Passanten in der Belgrader Innenstadt über die Ereignisse nach seinem Tod im Mai 1980. 

Auswahl weiterer Filme von Zelimir Zilnik: 
Nezaposledni Ljudi (1968); Lipanjska Gibanja (1969); Unter Denkmalschutz (1975); Abschied (1976); Sedam Madarskih Balada (1979); Istarska Italijani (1980); Druga Generacija (1983); Vruce Plate (1987) 
 

Herr Zilnik, Sie haben sich bereits früh mit regimekritischen Filmen international einen Namen gemacht. Was gefiel Tito nicht an Ihrem ersten Spielfilm „Frühe Werke", der 1969 verboten wurde? 

Das ist eine amüsante Geschichte. Wir wußten, das Tito Filme liebte. Da gab es Gerüchte, daß er jeden Morgen um Sechs alle Tageszeitungen las und jeden Abend einen Kinofilm anschaute. Besonders gern hatte er Cowboyfilme und natürlich alte Partisanenfilme. Er hat die jugoslawische Filmindustrie stark unterstützt, er war sogar der Hauptsponsor des alljährlich stattfindenden Pula-Filmfestivals. Es gab damals eine jüngere Generation von Filmemachern, die auch sozialkritische Filme produzierte. Dazu gehörten Leute wie Zivojin Pavlovic, Alexandar Petrovic, Dusan Makavejev. Wir wußten damals noch gar nicht, daß wir in einem solchen Puppentheater  lebten. Wir dachten, wir lebten in einem international respektierten Staat; wir dachten auch, es wäre sinnvoll, Filme zu produzieren, die das gesellschaftliche Leben kritisch reflektierten. 

Ich drehte im November 1968 einen Filme nach den Studentenprotesten und dem Einmarsch der Sowjetarmee in der Tschechoslowakei. Es gab damals große Zweifel, wie es politisch weitergehen würde mit dem sozialistischen Modellstaat Jugoslawien. Zunächst hatten wir im Frühjahr die Proteste in Frankreich und Deutschland gesehen und die Diskussionen der Studenten verfolgt, von denen sich viele für den Marxismus oder einen humanistischen Sozialismus aussprachen. Dann, im August, sahen wir die Panzer in Dubceks Tschechoslowakei rollen. Er nannte sich einen Reformkommunisten. 
Wir haben damals heiß debattiert: „Was ist Revolution?", „Welche Folgen wird die Gewalt in der Tschechei haben?", „Werden Ideale zerstört?" Um diese Themen ging es in meinen Film "Frühe Werke". Die Geschichte drehte sich um eine Gruppe Jugendliche in einem Dorf in Jugoslawien. Sie hatten vor, das eintönige Dorfleben zu durchbrechen und wurden konfrontiert mit Gegenmaßnahmen der Polizei und dem Argwohn der Dorfbewohner, die sehr dogmatisch und verschlossen reagierten. Der Film war ein Spiegelbild der enttäuschten Hoffnungen vieler Jugendlicher.

Als er Anfang 1969 in den Kinos anlief, wurde er positiv aufgenommen. Etwa zwei Monate später hat sich dann auch Tito den Film angeschaut. Am nächsten Morgen kam dann ein Funktionär und sagte, Tito sei sehr aufgebracht gewesen, er hätte nach einer viertel Stunde den Film stoppen lassen und gefragt "Was wollen diese Idioten?". 

Wir machten erst Witze. Ich dachte, vielleicht liegt das nur an Titos Alter; denn es gab viel Erotik und Sex zu sehen. Aber ein paar Stunden später wurde der Ernst der Lage klar: Polizei kam ins Studio und beschlagnahmte alle  Kopien des Filmes. Ein paar Tage später wurde dann sogar ein Prozeß eingeleitet. 

Das war einer der ersten Gerichtsprozesse, die sich gegen einen Filmregisseur richtete. Es war aber nicht der letzte. Anfang der siebziger Jahre wurden systematisch alle Filme verboten, die damals zur Strömung "Neuer Jugoslawischer Film"  gehörten. Die Staatspartei bezeichnete diese Filme, die angeblich ein falsches Bild Jugoslawiens zeichneten, als "Schwarze Welle". 

Die Repression gegen den "Neuen Jugoslawischen Film" im Zeitraum 1969 bis '73 erreichte ihren Höhepunkt mit der Inhaftierung meines Kollegen Lazar Stojanovic wegen seines Films "Plastic Jesus". 

Von 1973 bis 1976 waren Sie als Regisseur in Deutschland. Wie waren die Arbeitsbedingungen dort? 

Zunächst einmal ist es wichtig zu sehen, daß es auch eine andere Seite Jugoslawiens gab. Wir waren das einzige offene sozialistische Land, das heißt, wir konnten reisen. Und es gab Millionen von Gastarbeitern in Westeuropa, viele davon in Deutschland. Das empfand ich damals als sehr vielversprechend. Ich dachte, daß würde auch vielen Jugoslawen, die in Dörfern lebten, die Chance eröffnen, neue Erfahrungen zu sammeln, neue Kulturen und Technologien kennenzulernen. Ich dachte mir, das würde sich positiv auf Land und Leute auswirken. 

Von der Rückständigkeit Jugoslawiens wußte in Deutschland kaum jemand. Wenn ich Kollegen davon erzählte, daß ich wegen meiner Filme verfolgt wurde, schauten sie mich mit großen Augen an. Das paßte nicht zum vorherrschenden Bild. Ich machte daher keinen großen Hehl aus meiner Geschichte und konnte schnell Fuß fassen. Mir kam zu Gute, daß die heimische Filmindustrie damals stark gefördert wurde. Vor Hauptfilmen wurden regelmäßig Kurzfilme ausgestrahlt. Da gab es eine große Nachfrage. Und wenn man für einen Film das Prädikat "wertvoll" erhielt, gab es weitere staatliche Unterstützung. Ich drehte also auch Kurzfilme und was recht erfolgreich. Der erste nannte sich "Antrag". Da ging es um einen Streit zwischen einem griechischen und einem türkischen Arbeiter und einem deutschen Vorarbeiter wegen des damals aktuellen Konflikts auf Zypern. "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" hieß ein weiterer Film - eine Collage aus Romantik und Kitsch, basierend auf einem Gedicht von Heinrich Heine. Diese ersten Filme wurden mit Prädikaten ausgezeichnet. Dem Thema Gastarbeiter widmete ich mich in weiteren Filmen. Einer hieß "Hausordnung" und ging um die Verhältnisse in einem Arbeiterwohnheim. "Abschied" hatte dann arbeitslos gewordene Gastarbeiter zum Thema. "Inventur" und "Unter Denkmalschutz" folgten - letzterer behandelte die Geschichte um ein altes Gebäude in München, auf das ich aufmerksam wurde.  Das Haus, das kurz vor dem Einsturz war, war überfüllt mit Gastarbeitern, die eine relativ hohe Miete zahlten. Aber der Eigentümer hatte es unter Denkmalschutz stellen lassen, um eine Renovierung zu umgehen. 

Ich fand also in Deutschland unerwartete Möglichkeiten, meiner Arbeit als Regisseur nachzugehen. Ich erinnere mich noch an einen Staatsbesuch Titos während der Fußballweltmeisterschaften 1974. Ich war überrascht, wie beliebt er damals in Deutschland war. Er wurde richtig bewundert und gab Interviews fürs Fernsehen in deutscher Sprache. 
1974 habe ich auch meinen ersten Film gedreht, der sich kritisch mit der deutschen Gesellschaft auseinandersetzte. Ich verfolgte damals die intensive Berichterstattung über Polizeiaktionen gegen die sogenannte „Stadtguerilla". Ich drehte einen Film mit dem Titel "Öffentliche Hinrichtung". Mir war als Filmemacher aufgefallen, daß spektakuläre Szenen, die im Fernsehen ausgestrahlt wurden, mit Hilfe künstlicher Beleuchtung aufgenommen worden waren. Es ging auch um einen Polizeieinsatz, bei dem ein Aktivist erschossen wurde. Ich dachte mir, das konnte nur so über die Bühne gegangen sein, daß die Polizei wußte, daß sich in dem Gebäude ein Verdächtigter aufhielt, daß sie die Beleuchtungsgeräte aufbaute und dann die Lichter anschaltete und das Feuer eröffnete. Anders kann das gar nicht gewesen sein, denn die Aufnahmen waren von hervorragender Qualität, obwohl sich alles Nachts abspielte. Ich habe solche Dokumentaraufnahmen benutzt und für den Film eine Diskussionsrunde mit Soziologen, Rechtsanwälten und Psychologen organisiert. Grundtenor der Diskussion war, daß diese Art Berichterstattung, die alle paar Tage über die Bildschirme rauschte, ans Mittelalter erinnerte, wo Menschen auf dem Marktplatz gehenkt und verbrannt wurden. Rechtsanwälte zitierten Studien, aus denen hervorging, daß solche Sendungen nichts an der Kriminalitätsbereitschaft der Stadtguerilla ändern würden, aber dafür Angst unter der Bevölkerung verbreiteten. Und als Folge würde die Polizei aufgerüstet. Das war keine Fiktion, sondern das geschah wirklich. 

Ich drehte also diesen Film und schickte ihn zur Bewertungsstelle. Einige Tage später erhielt ich einen Brief von einem Gremium, das ich bis dahin noch gar nicht kannte: die "Freiwillige Selbstkontrolle". Die schrieben, dieser Ausländer Zilnik versteht offensichtlich nicht, was los ist, sein Film ist inkorrekt usw. „Öffentliche Hinrichtung" wurde also nicht ausgestrahlt. Erst jetzt im Oktober 1997 wurde er erstmals in Deutschland im Rahmen einer Filmschau "20 Jahre Deutscher Herbst" im Münchener Filmmuseum gezeigt. 

Danach hatte ich weitere Probleme in Deutschland, und ich begann, mir die gleichen Fragen zu stellen wie in Jugoslawien, wo meine Filme zensiert worden waren. Ich fragte mich "Sind Filme wirklich so gefährlich?". 
Ein paar Monate später beschäftigte ich mich dann mit der Geschichte des Berliner CDU-Spitzenkandidaten Peter Lorenz, der im Februar 1975 von einem Kommando der Stadtguerilla entführt wurde und nach seinem Austausch einen riesigen Rummel um sich machte. Ich habe in meinem Drehbuch den Aspekt aufgegriffen, daß hier ein Abgeordneter die Stadtguerilla benutzte, um sich selbst in Szene zu setzen, um sich als Held feiern zu lassen. Im Film ging es um ein großes Unternehmen, das in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet und daraufhin beschloß, einen Amateurterroristen anzuheuern, der die Geschäftsführung entführte. Nach ihrer Freilassung starteten sie dann eine PR-Kampagne und behaupteten, die Anarchisten und Terroristen seien verantwortlich für ihre wirtschaftlichen Probleme. Der Film wurde Ende 1975 gedreht, Anfang 1976 in München fertiggestellt. Ich habe auch wieder einige Dokumentaraufnahmen benutzt. Mein Plan war es, Rainer Werner Fassbinder und Hanna Schygulla für die Hauptrollen zu gewinnen, doch leider klappte das nicht. 

Der Film wurde dann im Mai oder Juni 1976 in einem kleinen Kino in München uraufgeführt. Ich wohnte in einem kleinen Appartement im Zentrum Münchens, und im gleichen Gebäude war auch die Redaktion einer kleinen kritischen Zeitung. Die Polizei stürmte eines Nachts das Haus und suchte nach Hinweisen für Verbindungen mit den Terroristen. Natürlich haben sie nichts gefunden. Aber sie monierten, ich hätte nicht die richtigen Papiere, um in Deutschland zu arbeiten. Sie händigten mir einen Schrieb aus, mit dem ich aufgefordert wurde, Deutschland innerhalb der nächsten zwölf Stunden zu verlassen. Die Polizei eskortierte mich noch bis an den Grenzübergang Salzburg. 

Unter welchen Bedingungen konnten Sie dann wieder in Jugoslawien arbeiten? 

Die Situation war natürlich ziemlich vertrackt. Als Filmemacher konnte ich in Jugoslawien nicht arbeiten, also entschloß ich mich, ans Theater in Novi Sad zu gehen. Da hatte ich einige Verbindungen. Mein erstes Stück, das dort aufgeführt wurde, hatte ich in Deutschland geschrieben und hieß "Gastarbeiteroper". Ich hatte darin auch Passagen von Bertolt Brecht aufgegriffen. Es ging um eine Geschichte, die ich in deutschen Zeitungen aufgeschnappt hatte: Eine Gruppe arbeitsloser, ausländischer Arbeiter, die in einem Wohnheim lebten und das Land nicht verlassen konnten, weil sie sich alle zwei Tage einen Stempel von irgendeiner Behörde abholen mußten. Die wurden jeden Tag fetter, verließen das Haus kaum, kassierten ihre Bezüge und glotzten ständig Fernsehen. 

Die Aufführung in Novi Sad war zunächst ein riesiger Erfolg. Etwa zwei Wochen nach der Uraufführung erhielt der Theaterdirektor dann aber einen Brief vom Ministerium. Er sagte mir, das Stück müsse abgesetzt werden, weil die deutsche Botschaft in Belgrad protestiert habe. Der Grund war, daß ich Auszüge aus Brechts Bearbeitung des Horst-Wessel-Liedes vortragen ließ. Das wurde als Beeinträchtigung der zwischenstaatlichen Beziehungen gewertet. Mein Glück war, daß einige deutsche Journalisten, darunter Heinz Klunker, das Stück verteidigten. Ich wurde eingeladen, es in Deutschland aufzuführen, aber die Politiker stellten sich quer. Meine Theaterkarriere war also schnell zu Ende, und ich begann, wieder Dokumentarfilme zu drehen. Damit habe ich mich dann in den nächsten Jahren recht gut über Wasser gehalten. 

Um auf Ihre Produktionen zu sprechen zu kommen, die während des Krieges entstanden sind. Wie haben Sie den Krieg empfunden? 

Ich betrachte diesen Krieg ganz anders als die Leute im Westen und als unsere offiziellen Medien. Für mich ist das eine Krieg, der einzig von der führenden Schicht gewollt und initiiert wurde. Alle, die heute in Führungspositionen sind - ob Kucan in Slowenien, Tudjman in Kroatien, Milosevic in Serbien und selbst Gligorov in Mazedonien - stützen sich nur auf die negativsten Aspekte des Tito-Regimes. Früher waren das alles Titos Diener. Heute ist das eine Lumpenelite. 
Der Zerfall Jugoslawiens begann schon Ende der 60er im Zentralkomitee der Partei. Da gab es bereits ein bitteres Gerangel um die Nachfolge Titos. Dem wiederum kamen die Spannungen gar nicht so ungelegen, weil er sich als Beschwichtiger profilieren konnte. Als später klar wurde, daß das Staatssystem langsam aber sicher zusammenbrach, versuchten auf einmal alle, sich international als wichtige Staatsmänner zu verkaufen. 

Der Krieg in Jugoslawien ist Resultat dieser Entwicklung. Verantwortlich dafür sind die politischen Führer, die ich als psychologisch abnormal bezeichnen würde. Das sind alles Leute, die unter Tito Karriere machten. Das ist tragisch. Sie haben früh damit begonnen, die Geschichte Jugoslawiens umzuschreiben, auch die Tito-Zeit. Alle haben sie sich als neue Führer ihrer Nationen präsentiert. Ich kam mir schon in den achtziger Jahren vor wie in einem Irrenhaus. 

Diese Entwicklung hat sich auch auf das kulturelle Leben ausgewirkt, weil plötzlich in jeder Teilrepublik eine unabhängige Kultur erfunden wurde. Ich habe mir lange überlegt, ob ich das Land wieder verlassen sollte, mich aber entschlossen, trotz der materiellen Engpässe zu bleiben, um vielleicht irgendwie positiv Einfluß nehmen zu können. Was die technischen Aspekte des Filmemachens betrifft, war die Situation natürlich verheerend. Wir waren völlig von der Welt abgeschnitten. Wegen des Embargos gab es kein Filmmaterial, die Labors wurden geschlossen, und der Markt war vollkommen ruiniert. Das war in Sarajevo nicht anders, und man behalf sich mit eingeschmuggelter Ware und billigen Videoproduktionen. 

Mein Film "Tito amongst the Serbs" sollte in einer hysterischen Kriegssituation einen gewissen common Sense vermitteln. Während der Zeit der Dreharbeiten beschimpfte die politische Führung Tito gleichzeitig als Spion der Komintern, als einen des Vatikan und der USA. Ich habe einfach einen Schauspieler in eine Uniform Titos gesteckt und Leute auf der Straße mit ihm reden lassen. Dieser kleine Videofilm, der Ende 1993, Anfang 1994 produziert wurde, hat ein bißchen geholfen, das aufgeheizte Klima abzukühlen. 

"Marble Ass" habe ich nicht nur gedreht, um einen Teil des Lebens in Belgrad zu zeigen, der ansonsten verschwiegen wurde: das Leben von Transvestiten. Ich wollte auch zeigen, daß wir noch normale Menschen sind, obwohl wir überall in der Welt als wilde Bestien bezeichnet werden. Wir Serben haben nicht alle einen Dolch zwischen den Zähnen; hier auf dem Balkan gibt es sogar ganz normale Transvestiten. Es ging mir darum, die Komplexität des Lebens festzuhalten. Und das hat funktioniert. 

In "Tito amongst the Serbs" kommen Belgrader zu Wort, die Deutschland für den Krieg verantwortlich machen. Ist das Verdrängung, die Sie auf die Schippe nehmen wollten? 

Ich war selbst überrascht, als ich den Gesprächen auf der Straße zuhörte. Es hat mir gezeigt, wie sehr unsere staatlichen Medien die Leute beeinflußt haben. Viele haben nur diese Standardargumente wiederholt, die man ständig in den offiziellen Medien liest und hört. Und Kritik am Westen steht da an erster Stelle. 

Hat diese Kritik keinerlei Berechtigung? 

Für mich steht an erster Stelle der Kritik das Verhalten unserer Politiker, die Jugoslawien zerstört haben und so viel Unheil über die Bevölkerung gebracht haben. Die Politik der westlichen Gemeinschaft war aber ebenso kritisch. Da wurde von außen Benzin auf die Glut geschüttet. Heute werden Unmengen Geld dafür ausgegeben, den Nato-Militäreinsatz zu bezahlen. Wäre aber nur ein Prozent dieser gewaltigen Summe zu einem früheren Zeitpunkt richtig eingesetzt worden, hätte es diesen blutigen Krieg wohl nie gegeben. 

Das ist völlig unbegreiflich, was der Westen angerichtet hat. Ich frage mich manchmal, und andere tun das auch, ob die westliche Welt nicht vielleicht ein Interesse daran hatte, daß Jugoslawien als eine Art Alternative zum Westen und zum ehemaligen Sowjetimperium nicht mehr existierte. Mit dem Zerfall Jugoslawien wurden die Ideen über Sozialismus und Kommunismus endgültig durch den Schmutz gezogen. Aber was ist das Resultat dieser Veränderungen? Ich reise sehr viel in Osteuropa und da sieht man, daß es heute 90 Prozent der Bevölkerung schlechter geht als zu Zeiten Breschnews. Ein neuer Lenin könnte heute dennoch nicht viel ausrichten, aber irgendein größenwahnsinniger Spinner, der mit Äxten und Atombomben Unfrieden stiften will. Das ist aberwitzig, daß die westliche Gemeinschaft diese Gefahren nicht vorher erkannte. 

In Ihrer Transvestitengeschichte "Marble Ass" ging es Ihnen um ein Porträt der normalen Leute. Der Film stimmt nicht gerade aufmunternd: Menschen in einer kaputten Gesellschaft, die sich an scheinbaren Glücksmomenten festhalten. Sind Sie ein Zukunftspessimist? 

Dieser destruktive Doppeleinfluß von unseren Politikern einerseits, der internationalen Gemeinschaft andererseits, hat das Leben dieser Generation völlig ruiniert. Wenn man der Realität ins Auge sieht, muß man sagen: Es gibt keine Hoffnung auf ein besseres Leben in den nächsten Jahrzehnten. 
Wir durchleben einen Prozeß, der uns alle auf den Boden zurückbringt. Das ist hier eine ganz andere Situation als in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Deutschland hat damals die Niederlage anerkannt, und als Folge gab es neue Energie und materielle Hilfe für den Wiederaufbau. Hier gibt es keine Anerkennung der Niederlage. Die gleichen Politiker, die die Leute in den Krieg getrieben haben, die hundertausendfaches Leid auf dem Gewissen haben, alle feiern sie heute ihre Siege. In Slowenien feiern sie ihren Sieg, in Kroatien feiern sie ihren Sieg, das gleiche in Serbien und sogar Izetbegovic feiert seinen Sieg. Und die internationale Gemeinschaft schüttelt allen die Hände. Das ist wie ein Mafia-Vertrag gegen die Bevölkerung. Ich sehe bis heute keinen Ausweg aus dieser Situation. 

Der Berliner „Tagesspiegel" schrieb über „Marble Ass": „Sex and Crime and Rock'n Roll aus Serbien. Klarer Fall eigentlich, daß Erotik hier kaum anders als mit Waffen im Bild abgeht...". Nimmt man Sie im westlichen Ausland nur noch als Filmemacher „aus Serbien" wahr? 

Solche Statements ignoriert man am besten. Bei meiner Arbeit ist es mir wichtig, daß ich das tue, was ich für wichtig erachte. Mir liegt mehr daran wie mein Film zu Hause ankommt. Und in dieser Hinsicht bin ich zufrieden. Die zensierten Filme, von denen ich vorhin sprach, sind früher kaum wahrgenommen worden. Heute ist das anders. Meine Filme und die von Kollegen wie Goran Markovic, Dusan Makavejev und Zivojin Pavlovic, werden viel mehr registriert, und das ist gut. Wir spüren, daß wir Filmemacher heute in der Lage sind, Diskussionen anzuzetteln. 

Wir bemühen uns zu verstehen, was dieser Krieg angerichtet hat. Da gibt es nicht nur niedergebrannte Dörfer und Häuser, wie in jedem Krieg, sondern viele zerstörte Menschen. Ich habe neulich mit einer Frau gesprochen, eine Prostituierte aus Jugoslawien, die früher in Wien arbeitete. Sie erzählte mir, daß sie wegen des Krieges aus Österreich rausgeschmissen wurde. Ihr Ehemann, ein Österreicher, kam dann nach Belgrad und wurde seinerseits aus Jugoslawien rausgeworfen. Sie erzählte, daß sie ihn jetzt immer in Ungarn treffen muß und, daß ihr das Verhalten ihrer Freier in Belgrad Sorge bereite. In Wien seien sie manchmal betrunken und wild gewesen, in Belgrad hingegen würden die meisten das Geld hinblättern, sich auf ihre Brust legen und weinen. 

Dieser Krieg hat tiefe Spuren hinterlassen. Heute beginnt der Prozeß, das alle Menschen, die früher in Jugoslawien lebten, wieder realistischer werden. Die Euphorie des Krieges ist vorbei. Diese Veränderungen lassen sich auch ersehen an den Medien, an der Wiederaufnahme von Kontakten über die Grenzen hinweg. Die Studentenproteste letzten Winter in Belgrad waren auch Ausdruck dafür. Dieser Protest war für mich die wichtigste politische Bewegung seit dem Zweiten Weltkrieg. Das war nicht initiiert und kontrolliert von irgendeiner Partei, sondern ein spontaner Protest, ein Ausdruck von Haß auf die herrschenden Cliquen. 

In der Film- und Kunstszene Ex-Jugoslawiens gibt es auch eine Spaltung entlang politischer Linien. Emir Kusturica ist wegen seines Films „Underground" auch von Kollegen in Sarajevo angegriffen worden. Warum diese Polarisierung? 

Solche Fälle wie bei Kusturica gibt es nicht sehr oft. Kusturica ist einerseits sehr talentiert. Vielleicht ist er sogar der kreativste Filmemacher der Welt. Nicht nur, weil er gute Filme gedreht hat, sondern auch weil er die notwendige Geduld hat. Das ist sehr wichtig, wenn man einen guten Film drehen möchte. Auch Eisenstein und Chaplin wären ohne ihr Durchhaltevermögen nicht so erfolgreich gewesen. Andererseits - und das unterscheidet Kusturica von anderen Filmemachern aus dem ehemaligen Jugoslawien - er war immer sehr geschickt, wenn es darum ging, für seine Produktionen staatliche Unterstützung zu bekommen - schon unter Tito. Er hatte die notwendige Energie und Geduld und die richtigen Beziehungen. Für "Underground" galt das gleiche. 

Das hört sich ein wenig nach Neid an. Finden Sie den Vorwurf gerechtfertigt, Kusturica hätte mit „Underground" Partei für die Serben ergriffen? 

Was den Inhalt des Films betrifft: Das ist immer eine Frage des Geschmacks. Ich würde die zentrale Aussage nicht teilen. "Underground" vermittelt den Eindruck, als sei der gegenwärtige Konflikt in Jugoslawien eine Fortführung des Zweiten Weltkrieges. Das stimmt meiner Meinung nach nicht. Ich denke, der Krieg ist vor allem Resultat des Dogmatismus der herrschenden Kreise. 

Ich habe übrigens eine ganze Reihe von ernsthaften Kritiken von Kollegen gelesen, von Leuten, die "Underground" anhimmeln, von anderen, die den Film nicht mögen. Diese Spaltung in der Filmszene ist nicht so gravierend wie Sie meinen. Das hat Gründe. Die Zusammenarbeit in der Filmbranche war früher sehr eng. Bei meinen Filmen hatte ich oft einen Kameramann aus Ljubljana, und Pavlovic arbeitete oft mit Schauspielern aus Zagreb. Das Filmgeschäft braucht einen Markt, und braucht auch intensive Kommunikation. Heute ist die Kommunikation künstlich unterbrochen. Es gibt nicht mehr die Möglichkeit, einfach mal eben in Zagreb anzurufen. Das ist bedauerlich. 

Die Aufarbeitung des Krieges spielt heute in fast jedem Film eine Rolle, aber ich muß sagen: Bei dem, was ich bisher an neuen Filmen aus Zagreb, Ljubljana oder Sarajevo gesehen habe, vermisse ich einen selbstkritischen Ansatz. Wenn man sich neue Filme aus Belgrad betrachtet, sieht man, daß dort kaum romantisierende Identifikation mit der herrschenden Ideologie zum Ausdruck kommt. Filme aus den anderen neuen Hauptstädten, erinnerten mich leider sehr an die jeweiligen Staatsideologien. 

Im Rahmen der Berlinale im Februar 1992 hielten Sie ein Referat mit dem Titel „Die serbische Niederlage". Angesichts der militärischen Entwicklungen auf dem Balkan stiftete das damals Verwirrung. Was war der Grund für diesen Titel? 

In meinen Augen war diese Ideologisierung in den frühen neunziger Jahren ein destruktiver, tragischer Prozeß - eine Art Selbstzerstörung. Als Jugoslawien auseinanderbrach, hatte die serbische Seite eigentlich gute Ausgangsbedingungen. Sie konnte auf eine gewisse Tradition der Staatsführung verweisen. Und Belgrad war unter Tito trotz allem kulturell und ideologisch die offenste Stadt Jugoslawiens. Das spiegelte sich nicht zuletzt auch in den Bereichen Kunst, Theater, Film und Literatur wieder. 

Ich habe mich gefragt, wie es passieren konnte, daß die serbische Führung all diese positiven Aspekte fallen ließ und sich statt dessen nur auf den alten Dogmatismus stützte. Die gesamte Armeestruktur - das war der größte Parasit in Jugoslawien - und der Polizeiapparat wurden von serbischen Politikern geradezu umarmt. Man hat diese Apparate mißbraucht - angeblich, um das serbische Volk zu retten. Ich rede von einem Mißbrauch, weil ich glaube, die Jugoslawische Volksarmee wäre die einzige Kraft gewesen, die die Politiker irgendwie hätte stoppen können. Die Armee wurde über Jahrzehnte nicht nur dafür bezahlt, die Grenzen zu verteidigen, sondern auch, um die kulturelle Vielfalt Jugoslawiens zu bewahren. 

Als die jugoslawische Armee dann gemeinsam mit den serbischen Politikern beschloß, Slowenien nicht in die Unabhängigkeit gehen zu lasen und der Konflikt eskalierte, wurde aber auf einmal nur noch davon gesprochen, die Armee müsse der serbischen Bevölkerung beistehen. Das war ein Wendepunkt. Das war so, als würde ein Familienvater sagen, ich kümmere mich fortan nur noch um ein oder zwei Kinder und laß die anderen vor die Hunde gehen. Damit würde er seine Familie, seine Identität zerstören. Die jugoslawische Armee, die nach dem Zweiten Weltkrieg ein hohes Ansehen genoß, die von Staatsmännern wie Churchill gewürdigt wurde, kooperierte nun auf einmal mit paramilitärischen Verbänden und Tschetnik-Einheiten. Alle alten Wertvorstellungen wurden untergraben. 

Das war ganz ähnlich in Kroatien, wo man sich auf einmal fragte, ob die Ustascha nicht vielleicht doch auf der richtigen Seite standen, als sie während des Zweiten Weltkriegs die deutschen Nazis unterstützten. Die verantwortlichen Politiker waren dazu bereit, alle Traditionen und den ganzen Stolz der gesamten Nation für die Unterstützung von ein paar Emigrantengruppen zu verkaufen. Diesen eigentlich recht unbedeutenden Tschetnik- und Ustascha-Gruppen aus Kanada, Amerika oder Australien wurde der Hof gemacht. 

Ich lebte in Belgrad und habe beobachten können, wie die serbische Identität einbrach. Die Bomben auf Sarajevo zum Beispiel: Das war ein Vorgehen, daß man normalerweise von seinem ärgsten Feind erwartet hätte; von einem Feind, der das Ziel hat, die Identität und die Tradition des Gegners zu zerstören. Die serbischen Politiker haben es selbst getan. Wir konnten Sie nur? 

Die Armee und diese Lumpenelite um Milosevic hat den anderen Konfliktparteien damit auch die Argumente und Gründe geliefert, ihre eigene, neue Identität und eigene Staaten zu legitimieren. Wenn die serbischen Politiker sich anders verhalten hätten, hätte sich die Frage des Zerfalls Jugoslawiens ganz anders gestellt. 

Im Westen wird über das Leben in Belgrad nur dann positiv berichtet, wenn Oppositionelle auf die Straße gehen? Solche Opposition in Jugoslawien bedeutet heute auch automatisch Anerkennung westlicher Werte? Die "Amerikanisierung" Serbiens schreitet trotz Milosevic voran, und das findet nicht nur in MacDonald's-Filialen und Baseballkappen Ausdruck. Wie bewerten Sie diesen Trend? 

Wenn man sich die Opposition anschaut, kann man wohl wenig Positives sagen. Deshalb habe ich mich keiner dieser Parteien angeschlossen. Wenn man sich nur anschaut, wer da heute oben sitzt, was diese Leute früher getan haben, nicht nur zu Titos Zeiten. Einige wie Vuk Draskovic waren bereits als junge Menschen sehr dogmatisch und haben zum Beispiel in den 60ern uns Filmemacher attackiert. Und schauen Sie, was sie während des Krieges getan haben: alle haben sie Milosevic geholfen, Macht an sich zu reißen. Sie haben nicht im Interesse der Bevölkerung gehandelt. 
Später, als das Verhältnis zum Westen wichtiger wurde, haben sie dann plötzlich ihre Meinungen geändert. Aber die normalen Leute wissen das, und sie haben sie deshalb nicht gewählt. Für sie sind diese Figuren Transvestiten, die ab und zu ihre Kostüme wechseln. 

Was die Studenten anbelangt, da bin ich mit Kritik sehr vorsichtig. Ich erinnere mich noch daran, als ich in diesem Alter war - 18 oder 20 Jahre. Da ist man noch voller romantischer Erwartungen. Für mich war dieser Mut, auf die Straße zu gehen, und die Kontinuität des Protests eine absolute Errungenschaft. Das war das Wertvollste an den Protesten, und das war ein bißchen bedrohlich. Ich habe damals einen Dokumentarfilm gedreht, der am 9. Dezember 1996 Premiere hatte, als die Proteste noch anhielten. Er heißt "Bis an die Eier" - das ist eine Redewendung und bedeutet so viel wie, daß man an einer empfindlichen Stelle hart zuschlug. 

Ich habe drei Wochen lang die Proteste beobachtet und habe mitbekommen, wie die Studenten eingeschüchtert wurden. Einige wurden zusammengeschlagen, Familienangehörige bedroht. Was die Studenten durchlebt haben, war eine sehr wertvolle Erfahrung für sie. Das war das erste Mal, daß sie zeigten, daß sie sich nicht mit irgendeiner Ideologie identifizierten. 

Was den Einfluß der Amerikaner und des Westens betrifft: Manchmal sieht man Studenten amerikanische Symbole tragen, aber wir sind sehr weit von der Möglichkeit entfernt, dadurch wirklich beeinflußt oder manipuliert zu werden. Das ist so, als wenn deutsche Jugendliche auf einmal Symbole aus dem Nepal herumtragen würden. In Deutschland war die Situation nach dem Krieg anders. Die Amerikaner waren allgegenwärtig und haben das gesamte neue Wertsystem mitkreiert. 

Für uns in Belgrad ist Milosevic der amerikanischste Mensch der Stadt. Worum sich die Amerikaner am meisten sorgen, ist was er so alles treibt. Wir sind zutiefst davon überzeugt, daß westliche Politiker von Anfang den Leuten hier enormen Schaden zugefügt haben, weil sie mit dieser Lumpenelite kooperieren. 

Die Studenten brachten während der Proteste eine pro-westliche Haltung zum Ausdruck. Sehen Sie da keinen Diskussionsbedarf, dem sich Intellektuelle widmen sollten? 

Meine Erfahrung in den letzten dreißig Jahren mit Intellektuellen, die sich politisch engagieren, ist verheerend. Die Intellektuellen Jugoslawiens haben uns dahin gebracht, wo wir heute stehen. Wenn man sich diese Hysterien schon unter Tito anschaut, mit welchem Eifer damals schon Intellektuelle auf unliebsame Strömungen in der Kultur reagierten. 
Milosevic war ursprünglich nur ein kleiner Apparatschik und wurde ab 1986 immer populärer. Er bediente sich dieses Romantismus', den Intellektuelle an der Belgrader Akademie der Künste predigten. Das waren vom Typ her ähnliche Romantik-Geschichten wie es sie zu Zeiten Mussolinis und Hitlers in den 20ern und 30ern gab: Geschichten über die Einzigartigkeit der Serben, die angeblich als einziges Volk in verschiedenen Ländern, in Bosnien und Kroatien leben mußten und deshalb bedroht waren. Das waren alles dumme Lügen. Schauen Sie doch nur zu unseren Nachbarn in Ungarn: Der Großteil der Ungarn lebt in Rumänien und der Slowakei. Anstatt sich ernsthaft um die Sorgen der Menschen zu kümmern, haben sie diese idiotischen Geschichten erfunden. 

Das passierte aber nicht nur in Belgrad. Diese Entwicklung hatten vielmehr sogar ihren Ursprung in Slowenien. Ich kenne viele slowenische Intellektuelle und weiß, warum sie auf einmal diese dummen Geschichten über Slowenien erzählten. Das hatte einen ganz banalen Grund: Schriftsteller betrachten ihren Sprachraum gleichzeitig als ihren Markt. All diese schlechten Schreiber, die es auf dem gesamt-jugoslawischen Markt zu nichts brachten, die waren auf einmal froh, sich hinter ihrer slowenischen Fahne verstecken zu können. Plötzlich waren sie alle wichtige Staatsschriftsteller. Die wenigen wertvollen Schriftsteller und Intellektuellen in dem kleinen Slowenien haben sich nicht nationalistisch aufgeführt, weil sie europäisch dachten. Die kleinen, schlechten Schreiber haben diese nationalistische Bewegung in Slowenien losgetreten. Das begann schon 1985, und diese Bewegung fand eine Plattform in der Zeitschrift "Nova Revia". Da haben sie über die Notwendigkeit einer slowenischen Sprache philosophiert und sogar eine Kommission hierfür gegründet. Das wurde dann rasch von einer Gruppe serbischer Intellektueller aufgegriffen und kopiert. 

Wie bewerten Sie die Haltung westlicher Intellektueller, die die Serben dämonisiert haben? 

Das hat mich sehr überrascht. Das ist so idiotisch, die gesamte Bevölkerung über einen Kamm zu scheren. Es gab doch auch innerhalb der Intellektuellen und der Kulturszene in Belgrad große Unterschiede. Die wurden aber völlig ignoriert. An diesem Eifer gegen die Serben kam wohl in erster Linie zum Ausdruck, daß man die eigenen Hände in Unschuld waschen wollte. Man sagte: "Ich kümmere mich um Sarajevo und hasse die serbischen Belagerer", und damit stand man auf der richtigen Seite. 

Am Balkankrieg sieht man den moralischen Zusammenbruch der gesamten europäischen Intellektuellenszene. Die "Amerikanisierung" Europas wurde hieran sehr deutlich - diese Art, zu simplifizieren, zu moralisieren, diese Arroganz gegenüber einem unterlegenen Land. 

Unabhängige Belgrader Medien wie „Radio B 92", die Zeitung „Nasa Borba" und die Agentur „BETA" sind von westlichen Geldgebern abhängig. Die amerikanische "Soros-Foundation" ist allgegenwärtig, wenn es darum geht, unabhängige Medien zu unterstützen. Finanzielle Abhängigkeiten von Medien führen oft zu politischer Einflußnahme. Ist das in Belgrad anders? 

Jeder schimpft heute über Soros. Warum? Wenn man sich seine Initiativen betrachtet, kommt man zum Schluß, daß er sich im Grunde wie der letzte Kommunist in Osteuropa verhält. Er ist ein Internationalist im wahrsten Sinne des Wortes. Er transferiert Geld aus dem westlichen Finanzmarkt nach Osten und er hat keinen Pfennig dieses Geldes im Osten verdient. Er ist ein geschickter Geschäftsmann. 

In Novi Sad, wo ich lebe, gibt es viele Projekte, die von Soros finanziert werden - Bücher und Unterrichtsmaterial, Schultaschen und vieles andere. Da werden Schüler gefördert, ganz unabhängig davon, wo sie herkommen. Es ist ja auch kein Wunder, daß beispielsweise Tudjman Soros nicht ausstehen kann. 

Natürlich muß man das realistisch sehen. Der amerikanische Einfluß ist enorm, aber der funktioniert primär über andere Kanäle. Zunächst einmal: Die Amerikaner haben den Balkan militärisch besetzt. Die Truppen, die vorher in Deutschland stationiert waren, sind nun hier. Und die wichtigsten Marionetten der Amerikaner auf dem Balkan sind die politischen Eliten. Die können keinen einzigen Schritt machen, ohne sich vorher das Einverständnis in Washington einzuholen. Westlicher Einfluß geschieht ganz massiv auf diese Art und Weise. „Radio B 92", „Nasa Borba" und „BETA" sind im Verhältnis dazu unbedeutend. Aber ohne Soros-Gelder und die Unterstützung anderer Medieninstitute in den Niederlanden und in Frankreich, könnten wir heute keine Filme drehen. Selbstverständlich gibt es auch politischen Einfluß von Seiten der USA auf die Medien, aber das ist heute nicht so bedeutend. 

Haben Sie neue Filmprojekte, an denen Sie derzeit arbeiten? 

Ich arbeite seit einiger Zeit an einem mehrteiligen Film mit Titel "Giuseppe goes East". Da geht es um einen jungen Italiener, der die Länder bereist, in denen sein Vater zur Zeit Österreich-Ungarns als Offizier stationiert war. Er tut immer so, als sei er an diesen Ländern interessiert. In Wirklichkeit ist er aber nur auf der Suche nach einer Freundin. Da ist ein gute Portion Ironie im Film und der Versuch, eine Art Inventur des zwanzigsten Jahrhunderts zu machen. Der Film ist schon zur Hälfte gedreht, alles selbst finanziert, und jetzt ist die Frage, ob wir weitere finanzielle Unterstützung mobilisieren können. Wenn alles gut geht, werde ich ihn im Frühjahr fertigstellen. 

Herr Zilnik, vielen Dank für das Gespräch.